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Nomaden der Flüsse

Vies de mariniers


Hintergrund

Ein Frachtschiff gleitet in der Morgendämmerung über den Main. Es ist fünf Uhr Morgens, für Gerhard Huskitsch, den Schiffsführer, beginnt ein neuer Arbeitstag. Die "Stadt Würzburg" transportiert Holz in verplombten Containern. Das Schiff gehört einer Reederei, doch an Bord ist der etwa 60-jährige Huskitsch sein eigener Herr. Nur seine Frau und der Matrose Dirk gehen mit ihm auf Fahrt. Der 26-minütige Film begleitet die Mannschaft auf der dreitägigen Fahrt, zunächst den Main hinunter, dann weiter auf dem Rhein, vorbei an Frankfurt, Köln und Duisburg und schließlich über die holländische Grenze bis zum Zielhafen Rotterdam.

800 Kilometer entfernt liegt die "Redoutable" an einer Schleuse auf der Rhône, kurz vor der Stadt Arles. Nach sieben Tagen Arbeit an Bord wechselt die Mannschaft von Kapitän Parmentier. Der zweite Kapitän des Schiffs sorgt für Verpflegung - jede Menge Cola und Tiefgefrorenes, um die fünf Männer bei Laune zu halten. Das 31 Jahre alte Schiff ist ein Linienschiff. Das heißt, es fährt immer die gleiche Strecke von Lyon zum Mittelmeer und wieder zurück. Von Arles nach Lyon braucht das Schiff mit seinen 2500 PS 44 Stunden, bei einer Geschwindigkeit von 16 km/h - bis 19 km/h. In den silbernen, schwimmenden Großcontainern, auch Bargen genannt, lagert Mais. Gefahren wird Tag und Nacht ohne Unterbrechung. Nachts wird das Schiff nur per Radar gesteuert. Für die Männer bedeutet das abwechselnd fünf Stunden Schlaf, fünf Stunden Arbeit. Und Arbeit gibt es an Bord immer: Fracht laden und löschen, Schleusen passieren und ankern, das Schiff putzen und ausbessern. Richtig erholen können sie sich erst wieder an Land - sieben Tage Zeit für Familie und Freunde vor der nächsten anstrengenden Arbeitswoche.

Die Frau von Gerhard Huskitsch war bereit, das Leben auf dem Wasser mit ihrem Mann zu teilen. Sie führt den Haushalt an Bord. Die zwei Kinder leben schon lange an Land. Die ersten sechs Jahre verbrachten sie an Bord, "eingesperrt", wie sie lachend berichtet in "so'n Stall". Dann kamen sie zu den Großeltern. In Deutschland sind Internatsplätze für die Kinder von Binnenschiffern nahezu unerschwinglich, ein Platz kostet zwischen zwei- und viertausend Mark im Monat. Philippe Parmentier, der Kapitän der "Redoutable" lebt mittlerweile von Frau und Kindern getrennt. Raymond Turin, der 2. Kapitän ist von seiner Frau geschieden. Ein Schiff, das Tag und Nacht fährt, ist mit einem geregelten Familienleben unvereinbar. Doch nicht nur die familiäre Situation und der anstrengende Arbeitsalltag sind Gründe dafür, dass es immer weniger Binnenschiffer gibt: in Deutschland nur noch etwa 6000, in Frankreich ist die Zahl von ca. 7500 im Jahre 1973 auf weniger als 1000 im Jahr 2000 zurückgegangen (siehe Ali Habib: Le nouvel âge de la batellerie).

Ausschlaggebend war vor allem das Sinken der Transportpreise und damit einhergehend die geringen Verdienstmöglichkeiten und das finanzielle Risiko. In Deutschland werden nur noch 6%, in Frankreich 3% aller Waren per Binnenschifffahrt transportiert, und das, obwohl der Transport auf dem Wasser weitaus ökologischer und ökonomischer ist als auf der Straße und auf den Schienen. Die Zugkraft pro PS beträgt bei einem Frachtschiff 4000 kg. Im Vergleich dazu: Bahn: 500 kg, LKW: 150 kg. Dagegen beträgt der Kohlendioxidausstoß pro transportierter Tonne auf einem Kilometer bei einem LKW 164 g, bei der Bahn 45,1 g und bei einem Frachtschiff nur 33,4 g (siehe Artikel von Annette Rollmann: Ganz Berlin ist ein Hafen in einem großen See).

Laurent Rosetta, Matrose auf der "Redoutable"

Laurent Rosetta, Matrose auf der "Redoutable" blickt dennoch optimistisch in die Zukunft. Er hat seinen Beruf als Autolackierer aufgegeben und arbeitet mittlerweile seit 18 Monaten auf dem Schiff. Er will den Schiffsführerschein machen und träumt davon, später einmal als Kapitän ein eigenes Schiff zu fahren. Der alte Hase Gerhard Huskitsch gibt sich pessimistischer. Er schimpft auf den Staat, der zu hohe Steuern verlangt, zu wenig Liegehäfen baut und somit das gefährliche Nachtfahren begünstigt. Und doch ist die Situation besser als in Frankreich. In Deutschland unterstützt der Staat die Binnenschifffahrt durch das Tieferlegen der Flussbetten und legt Verbindungsstrecken an. In Frankreich zahlt die Regierung nur die Instandhaltung der Schleusen, was dazu führt, das große Schiffe, wie die "Redoutable" nur noch auf der Seine, der Rhône und dem Rhein fahren können. Vorbildlich scheinen die Bedingungen dagegen in Holland zu sein: Der Staat fördert junge Binnenschiffer mit günstigen Krediten und Subventionen. Für die Kinder gibt es staatlich geförderte Schifferkinderheime. Doch trotz aller Schwierigkeiten scheint sich keiner der Binnenschiffer ein anderes Leben vorstellen zu können. Das zeigen Gerhard Huskitschs leuchtende Augen, wenn er an der Loreley vorbeifährt und die alte Legende von der "Blondine" preisgibt und Raymond Turin, wenn er von seinem Schiff erzählt: "Ich reise gerne, ich bin gerne in anderen Ländern. Immer an einem Ort, das wäre nichts für mich. Außerdem bin ich stolz, so ein großes Schiff zu fahren: 180 Meter lang, 4000 Tonnen schwer, das ist nicht schlecht."

Die "Stadt Würzburg" legt für eine Nacht in Duisburg, dem größten Binnenhafen der Welt, an. Dort kostet eine Nacht 140 Mark. Im Duisburger Hafen arbeiten 6 Schiffspfarrer. Einer von ihnen, Frank Wessel, besucht die Huskitschs. Er hört sich die Sorgen der Leute an, leistet bei Bedarf aber auch praktische Hilfe, zum Beispiel, wenn ein Arzt gebraucht wird oder wenn jemand im Krankenhaus besucht werden muss. Am nächsten Tag erreicht das Schiff den Hafen von Rotterdam. Es dauert nochmals eine Nacht bis Gerhard Huskitsch endlich seine Ladung löschen kann.

Die "Redoutable" befindet sich kurz vor Lyon. Die beiden Bargen haben ihr Ziel erreicht. Das Abhängen ist ein gefährliches Manöver. Doch schließlich klappt es und das Schiff fährt um einige Tonnen leichter davon. Bald geht es wieder stromabwärts, Richtung Meer.