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Schönheit, Fitness - Ansichtssache

Corps et âmes


Hintergrund

Im Zeichen der Globalisierung rückt die Welt immer enger zusammen. Auch in Fragen der Mode, der Kleidung und der Schönheit sind die Trends, denen junge Menschen folgen, längst internationale, gar weltweite Phänomene, mit einer unübersehbaren Tendenz zur Vereinheitlichung. Die großen Marken wie Nike, Benetton oder Adidas haben ihre Absatzmärkte überall. In den westlichen Gesellschaften gleichen sich Outfit-Standards und Schönheitsideale - wie sie von den großen Modemagazinen oder in Mainstream-Filmen propagiert werden - immer mehr an.

Dennoch bleiben Unterschiede: Jeder kennt das beliebte Spiel, Menschen aufgrund ihres Erscheinungsbilds und ihrer Aufmachung einer bestimmten Nationalität zuzuordnen. Auch zwischen Deutschen und Franzosen haben sich - allen egalitären Entwicklungen zum Trotz - sichtbare Unterschiede erhalten.

Inwieweit weichen Körpersprache, Schönheits- und Natürlichkeitsideale in den beiden Nachbarländern voneinander ab? Was halten die Franzosen von Birkenstock und behaarten Beinen? Was sagen die Deutschen zu den französischen Balzritualen? Wer zieht sich wie an um wen anzuziehen? Einmal mehr sind die Journalisten von Passe-partout den Klischees auf beiden Seiten des Rheins nachgegangen.

Modell bei Modeaufnahmen

Die erste Station der Recherche führt uns nach Paris, denn allen kurzatmigen Moden zum Trotz ist die Stadt noch immer das Mekka der Modewelt. Ein Foto-Shooting für „Marie-Claire“, eines der ältesten und auflagenstärksten Mode-Magazine Europas, beweist die Internationalität der Branche: das Model ist Holländerin, der Fotograf Deutscher, die Redakteurin kommt aus Japan... „Marie-Claire“ erscheint in zahlreichen internationalen Ausgaben und wendet sich an eine Klientel selbstbewusster, urbaner Frauen, die „die Welt voranbringen“. Auf diesem gehobenen Geschmacks-Niveau sind für Chefredakteurin Elisabeth Bernigaud nationale Unterschiede und lokale Präferenzen vernachlässigbar. Das kann Katrin Bergann von „Brigitte - Young Miss“, einer deutschen Mode-Zeitschrift mit einer monatlichen Auflage von über 280 000 Exemplaren, für ihre Zielgruppe der 15-25-jährigen MTV-Zuschauerinnen nicht uneingeschränkt bestätigen. Neben den globalen Trends hat sie in Sachen Bekleidung nicht nur nationale Nuancen entdeckt, sondern unterschiedliche Vorstellungen von Natürlichkeit. Sie attestiert den Deutschen ein gespaltenes Verhältnis zur Mode und will ihren Leserinnen auf undogmatische Weise ein positives Verhältnis zum eigenen Körper vermitteln.

Isabelle Catélan, die Chefredakteurin von „Jeune & Jolie“, dem französischen Pendant zu „Brigitte - Young Miss“, pflichtet ihr in Bezug auf die Existenz nationaler Eigenarten bei.

Schaufensterpuppe

Das vorläufige Fazit der Damen vom Fach deckt sich mit den Impressionen aufmerksamer Grenzgänger auf beiden Seiten des Rheins: Schönheit als ästhetischer Wert und somit auch das Kommunikationsmedium Mode haben viel zu tun mit den Werten einer Gesellschaft. Für Frankreich bedeutet das, dass Tradition, also das „soziale Gedächtnis“, noch immer ein Schlüsselbegriff für das Verständnis von Verhalten und Geschmack ist. So neigen die Französinnen zu einem dezenten Chic, der die weiblichen Reize diskret und elegant betont. Klassische Kostüme sind weiterhin beliebt, exzentrische Schrill- und Schrägheiten werden auch von Jüngeren vermieden, die Übergänge zwischen den Vorlieben der Generationen sind fließend. Auch beim Schminken wird ein zurückhaltendes Erscheinungsbild favorisiert. Demgegenüber wird in Deutschland mehr Wert auf Natürlichkeit und lässige Bequemlichkeit gelegt, Sportswear erfreut sich großer Beliebtheit, auch bei jenen, die nicht gerade - wie die notorischen deutschen Touristen - in kurzen Hosen und den berühmt-berüchtigten Sandalen auf die Straße gehen würden. Das alte Vorurteil, dass modebewusste Menschen oberflächlicher sind, findet rechts des Rheins noch immer selbstverständlicher Zustimmung, während man gleichzeitig eher dazu neigt den Zeitgeist skeptisch zu hinterfragen, statt ihm brav zu folgen: Achsel- und Beinhaare rasieren, muss das wirklich sein?

Für diese unterschiedliche Interpretation von „Natürlichkeit“ weiß der Anthropologe Remi Hess von der Universität Paris historische Gründe zu nennen: Im zentralistisch organisierten und regierten Frankreich habe man sich in Fragen des Stils, der Mode und der aufwändig zelebrierten Körperkultur seit den Zeiten des Absolutismus an den Vorgaben des Königshofes orientiert. Die dort gesetzten Wertmaßstäbe galten in abgeschwächter Form auch für die einfachen Leute als vorbildlich. Im Jahrhunderte lang politisch zersplitterten Deutschland fehlte eine solch klare und stilprägende Orientierung. Kleidung und Körperbewusstsein entwickelten sich volksnäher. Seit dem 16. Jahrhundert konnten so auch von den unteren Schichten ausgehende, entsprechend pragmatische Bekleidungsvorschläge bei Bürgertum und Adel Einfluss gewinnen.

Vom 18. Jahrhundert an bildete sich zudem im Gefolge der Romantik eine regelrechte Tradition des „gesunden nackten Körpers“ heraus, der im Einklang mit der Natur stehen sollte. Die Freikörperkulturbewegung der Jahrhundertwende hat diese Impulse weitergetragen, die etwa noch in der DDR zu einem veritablen Massenphänomen anwachsen konnten. Für die Deutschen ist Nacktheit also etwas Natürliches, sie wird in öffentlichen Parks mit einer Ungehemmtheit zur Schau gestellt, die in Frankreich kaum denkbar ist. Hier gehört sie in den Bereich des Privaten, was aber noch lange nicht bedeutet, dass man beispielsweise nackt schläft!

Junger Frau werden bei der Kosmetikerin die Augenbrauen gezupft

Andererseits gehen Französinnen in deutlich jüngeren Jahren (nämlich schon mit 17) zur Kosmetikerin, die Epilation, v.a. die Entfernung der Beinhaare ist für sie eine Selbstverständlichkeit. In Deutschland liegt das Durchschnittsalter für solche Besuche bei 25, von einer ausgeprägten Beinhaar-Obsession ist nichts bekannt.

Zu den historischen Differenzen treten aktuellere Einflüsse: In Deutschland kam die Frauenbewegung der 70er Jahre zu radikaleren Resultaten als bei den französischen Schwestern, man wehrte sich vehement gegen den männlichen Blick und die von ihm auferlegten Schönheitskriterien. Das hat deutliche Spuren im Alltag hinterlassen, die auch den Umgang der Geschlechter miteinander betreffen. So empfinden Franzosen und Französinnen den Kontakt zwischen Männern und Frauen in Deutschland zwar als selbstverständlicher und gleichberechtigter, monieren als Kehrseite dieser Errungenschaft jedoch eine Gleichgültigkeit der Geschlechter: Der Augenkontakt auf der Straße ist zurückhaltender, die Balz- und Anbandelungsrituale sind allzu spröde und humorlos.

In Frankreich scheinen die klassischen Geschlechterrollen noch intakt: Der in südländischer Tradition sozialisierte Mann fühlt sich ganz selbstverständlich als Beschützer und Verführer. Sein routinemäßiges Repertoire von „Tür aufhalten“, über „Feuer geben“ bis zum „Komplimente machen“ stößt bei den Damen durchaus auf Gegenliebe. Flirten gilt geradezu als Nationalsport, die Codes und Rituale bei der „interkulturellen“ Begegnung von Mann und Frau sind einerseits formeller, andererseits aber auch koketter und spielerischer. Eine Einladung zum abendlichen Essengehen gehört praktisch schon zum Vorspiel.

Pärchen im Café

Dass den Deutschen womöglich der Sinn für die charmanten Feinheiten der Verführung abgeht, liegt für Remi Hess an ihrem direkten und ehrlichen Umgang mit der Sprache: Während sie sich an das gebunden fühlen, was sie sagen, kann man in Frankreich leichter Dinge äußern, ohne sie zu glauben. Neue Körperschmuck-Trends wie Piercing oder Tätowieren stoßen bei den Nachbarn auf unterschiedliche Resonanz. Während diese amerikanischen Mode-Importe im konservativeren Frankreich eher zurückhaltend aufgenommen werden, haben sie sich in Deutschland schnell und flächendeckend ausgebreitet. Der Hauptgrund dafür dürfte sein, dass die Deutschen generell vorbehaltloser empfänglich sind für Einflüsse amerikanischer Kultur als die in dieser Hinsicht reservierten Franzosen. Das wiederum lässt sich als Spätfolge der nationalsozialistischen Herrschaft deuten, nach deren erzwungenem Ende viele Traditionen fragwürdig und unmöglich geworden waren und bereitwillig von amerikanischen Angeboten verdrängt wurden. In Frankreich ist die nationale Identität nicht in vergleichbarer Weise verstört worden, im Gegenteil: Das Beharren auf Traditionen nimmt gelegentlich Züge eines bizarren Kulturkampfes an. (So gibt es seit 1994 ein Gesetz zur Abwehr von Anglizismen und für die Reinhaltung der französischen Sprache, der Schutz der heimischen Kino-Produktion vor der US-Konkurrenz wird ebenso verbissen betrieben wie die Verteidigung französischen Liedguts; die Ressentiments gegen Fastfood made in USA sitzen v.a. bei den Älteren tief.) Nichtsdestotrotz heißt der deutsche Neologismus outfit auf Französisch le look.

Frau im Fitnessstudio auf einem Fahrrad

Der Sport wiederum hatte in Deutschland im Unterschied zu Frankreich schon früh den Charakter einer Volksbewegung, in der sich patriotischer und lebensphilosophischer Erneuerungswillen mit den Idealen der Leibesertüchtigung mischte. Die um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Gefolge von Turnvater Jahn gegründeten Turn- und Sportvereine leisteten den entscheidenden Beitrag zur Popularisierung des Sports. Noch heute ist allen Indivdualisierungsschüben zum Trotz jeder zweite Deutsche unter 40 Mitglied in einem Sportverein oder Fitness-Studio, die Sport-Kultur ist gerade in der Breite sehr gut entwickelt, man hält sich fit um gesund zu sein.

Natürlich ist auch im Frankreich der Gegenwart der Sport ein Massenphänomen, die Fitness-Studios boomen, aber das betrifft hauptsächlich Menschen unter 30. Insgesamt ist die Infrastruktur für sportliche Aktivitäten weniger entwickelt, ein Indiz dafür, dass - laut Patrick Rizzo, dem Geschäftsführer eines Fitness-Clubs - der Breiten-Sport, zu dem in Frankreich ganz selbstverständlich auch Fischen, Jagen Fischen und Boule-Spielen gehören, im Vergleich zu anderen Beschäftigungen erst an zweiter Stelle rangiert. Auch wenn in den französischen Sport-Studios genauso viel Schweiß fließt wie in den deutschen und gutes Aussehen auch hier gleichbedeutend ist mit sportlichem Aussehen, geht es den Franzosen weniger um schnöde Leibesertüchtigung zum Zwecke der Gesundheit als vielmehr um ein ansehnliches Äußeres. Der das behauptet, ist allerdings ein Franzose und die glauben ja - wie wir gelernt haben - selbst nicht alles, was sie sagen.

Zwar lassen die weltweiten Strömungen und Moden niemanden unberührt, aber lokale Eigenarten verschwinden deshalb keineswegs, denn die verschiedenen Landessprachen stehen für das Prinzip der Differenzierung und implizieren ein jeweils anderes Verhältnis zum Körper, zum Flirten und zur Welt.