Sie befinden sich hier >> Startseite > Sendungen > Wie hast du's mit der Religion? > Filmskript

Wie hast du's mit der Religion?

La religion


Filmskript

Religion in Deutschland und Frankreich - Zahlen und Fakten

Frankreich ist ein katholisches Land. Der bekannteste Wallfahrtsort der Christen, Lourdes, liegt dort. 67% aller Franzosen fühlen sich als Katholiken. Doch nur ein Viertel von ihnen praktiziert den Glauben auch. Von den 18- bis 25-Jährigen besuchen gerade mal 2% die Messe. Die zweitgrößte Religionsgemeinschaft bilden die Moslems - es sind 7% der Bevölkerung. Nur 2% sind Protestanten und 1% jüdischen Glaubens. Im 17. Jahrhundert unter Ludwig XIV. war die katholische Kirche in Frankreich Staatskirche. Im zentralistisch regierten Land konnte der König Bischöfe und Äbte ernennen. Die Kirche war sehr mächtig und besaß viel Grund und Boden.

Anders in Deutschland. Es bestand aus vielen souveränen Fürstenhäusern. Die Untertanen hatten die Konfession des Fürsten anzunehmen. Die Kirche in Deutschland war gespalten in Katholiken und Protestanten. Der Augustinermönch Martin Luther wollte 1517 mit seinen Thesen die Kirche reformieren. Die Reformation führte zur Spaltung der Kirche und zu einer neuen christlichen Konfession, dem Protestantismus. Vom Papst gebannt übersetzte Luther im Schutze des Fürsten als erster auf der Wartburg die Bibel ins Neuhochdeutsche.

In Frankreich wandte sich die französische Revolution 1789 auch gegen die Macht der Kirche. Die Kirchengüter wurden verstaatlicht. Napoleon unterzeichnete 1801 ein Konkordat, das den Klerus und die katholische Bevölkerung an den Staat band. Erst 1905 wurde die Trennung von Kirche und Staat in die französische Verfassung aufgenommen. Man nennt das Laizismus.

Heute muss sich die katholische Kirche in Frankreich über Spenden ihrer Gläubigen finanzieren. In Deutschland hingegen beziehen die Kirchen ihre Einkünfte über die Kirchensteuer. Jedes Kirchenmitglied muss zu seiner Steuer einen Zuschlag in Höhe von ca. 7% zahlen, den der Staat über das Finanzamt einzieht. Der Kirchensteueranteil wird vom Staat an die Kirche weitergeleitet.

36% der Einwohner in Deutschland bekennen sich zum Protestantismus. Die Protestanten bilden vor allem im Norden und Osten die Mehrheit. 35% gehören der katholischen Konfession an, die man mehrheitlich im Süden findet. In den restlichen Gebieten gibt es zu ähnlichen Anteilen Protestanten wie Katholiken. In Deutschland gibt es ca. 3% Moslems und eine kleine jüdische Gemeinde mit rund 40.000 Mitgliedern.

Ein evangelischer Pfarrer in Deutschland

Martin Abraham ist seit 4 Jahren Pastor im deutschen Lörrach, nahe der Schweizer Grenze. Er ist einer der rund 24.000 evangelischen Pfarrer in Deutschland. Schon als er noch sehr jung war, wollte er Pfarrer werden. Beruf oder Berufung?

Martin Abraham: „Zum Teil ist es ein Beruf und zum Teil ist es wahrscheinlich schon mehr als Beruf. Ich verdiene damit mein Geld, daher ist es ein Beruf. Er erfordert in manchen Dingen menschliches Engagement, vielleicht mehr als andere Berufe.“

Die protestantische Kirche kennt den Zölibat nicht. Martin Abraham ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Sein Amt nimmt viel Zeit in Anspruch.

Claudia Abraham: „Ich denke mir manchmal, mehr Freizeit wäre schon schön, so am Wochenende vor allem. Aber so bedaure ich es eigentlich nicht..“

Martin Abraham: „Also, man kann ja nicht sagen, am Freitagabend zisch' ich ab und komm' am Montagmorgen wieder, sondern man muss halt Gottesdienst machen.“

Anders als in Frankreich beziehen in Deutschland die Kirchen - sowohl die katholische als auch die evangelische - ihre Einkünfte über die Kirchensteuer. So bekam 1994 jede der beiden Kirchen rund 8 Milliarden Mark. Mit diesem Geld werden unter anderem auch viele soziale Aktivitäten finanziert: Kindergärten, Krankenhäuser, Pflegedienste und karitative Einrichtungen. Die Pfarrer bekommen - im Gegensatz zu Frankreich - ein recht gutes Gehalt.

Martin Abraham: „Wir haben Bezahlung etwa den Lehrern vergleichbar bei uns. Und das sind sogenannte Beamtengehälter, feste Tarife, die jetzt nicht von den Beiträgen, also von der Höhe der Beiträge von Gemeindemitgliedern sind, sondern das sind feste Tarife, meines Wissens sogar in ganz Deutschland.“

Martin Abraham verlässt das Pfarrhaus, in dem er mit seiner Familie wohnt. Heute Abend trifft er seine Jugendgruppe, mit der er einmal in der Woche über ein Thema ihrer Wahl spricht. Diesmal geht es um Homosexualität.

Martin Abraham: „Ein Stichwort, das mir sehr gefällt, ist 'Das Leben feiern', also Gelegenheiten zu finden, wo Menschen ja wirklich über das Leben nachdenken können und dann im Gottesdienst ihrer Freude Ausdruck geben können, aber auch die Klage oder der Schmerz. Sehr wichtig ist mir auch, Menschen in Umbruchsituationen zu begleiten, also bei Taufen, Trauungen, Beerdigungen, da nehme ich mir relativ viel Zeit für die Leute. Die großen Kirchen haben mit einem Rückgang zu kämpfen, und es gibt auch Überlegungen, wie die Arbeit anders strukturiert wird. Ob der Glaube damit zurückgeht, das weiß ich nicht, zumindest wenn man auch sieht, welche anderen religiösen Angebote es gibt. Das Interesse am Glauben ist schon da, aber das muss jetzt nicht unbedingt das Interesse an den großen Kirchen heißen."

Ein katholischer Pfarrer in Frankreich

Der ehrwürdige Bahnhof von Lyon. Er heißt La Part Dieu, Gottesacker. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug, dem TGV, kehrt der Priester Christian Delorme aus Paris zurück. Er hat dort an einem Arbeitskreis für Immigrantenfragen teilgenommen.

Seine Gemeinde in Lyon. Ein typisches Viertel dieser Millionenstadt, Handwerker, wie der Schuster, betreiben hier ihre Geschäfte. Die Mietshäuser sind alt und so steht die Kirche, Saint Michel, etwas fremd in ihrer Umgebung. Es gibt schönere Kirchen in Lyon, das Pfarrhaus dahinter ist dafür um so interessanter. Im ersten Stock ist ein Kindergarten untergebracht, im zweiten eine katholische Grundschule, im dritten und längst nicht letzten Stock wohnt der Priester.

Er lebt hier nicht allein. Priesteranwärter aus Afrika teilen mit ihm Küche, Bad, Wohnzimmer. Solche Wohngemeinschaften sind normal - aus Kostengründen. Die Kirche lebt ja nur von Spenden. Christian Delorme erhält von seiner Diözese gerade mal den staatlichen Mindestlohn, etwa 2000 Mark brutto.

Christian Delorme, Prêtre: „In Frankreich leben alle Priester eher bescheiden, was man aber nicht mit Armut verwechseln darf. Wir sind besser dran als die 4 oder 5 Millionen arbeitslosen Franzosen, die haben Probleme. Wir hingegen leben nicht schlecht.“

In seinem Arbeitszimmer spiegelt sich diese bescheidene Lebensweise. Zwar gibt es einen Computer, dafür nehmen Besucher in ziemlich abgewetzten Sesseln Platz. Christian Delorme ist Pfarrer in einem Land, in dem sich immer weniger Menschen zum Katholizismus, der führenden Religion, bekennen. Gaben vor 10 Jahren noch 81% der Franzosen an, sie seien katholisch, sind es heute nur noch 67%. Die Religion spielt im alltäglichen Leben kaum noch eine Rolle, völlig ausgedient hat sie aber nicht.

Christian Delorme: „Ich sehe es doch in meinem Alltag als Priester, dass zum Beispiel bei Beerdigungen oder in Situationen, in denen die Menschen einfach nicht weiter wissen, sie sich immer noch an einen Priester wenden, weil sie etwas von ihm erwarten. Selbst wenn die Kirche das tägliche Leben heute nicht mehr mitbestimmt, wird sie doch noch immer als Rettungsanker gesehen.“

Zweimal in der Woche liest er die Messe, muss sich vorbereiten. An den anderen Tagen übernehmen das seine Kollegen aus der Wohngemeinschaft. Christian Delorme war 20, als er beschloss, Priester zu werden. Heute ist er 45 und sozial sehr engagiert, wie die meisten französischen Priester. Neben der Bibel - der Koran. Ein Priester, der sich um die vielen entwurzelten muslimischen Immigranten kümmert und doch ganz christlicher Seelsorger ist.

Christian Delorme: „Ich hoffe, etwas Brüderlichkeit vermitteln zu können, ein bisschen Freundlichkeit, was ja zur Brüderlichkeit gehört und ein bisschen Hoffnung. Aber nicht diese künstliche Hoffnung, denn wenn jemand arbeitslos ist oder einer stirbt, kann man nicht einfach sagen, das macht doch nichts. Sondern es geht darum, jenes Lächeln, jenes kleine Licht mitzubringen, das den Menschen zeigt, dass doch nicht alles vorbei ist, dass man wieder anfangen kann zu leben.“

Licht ist auch das Thema im Kindergottesdienst. Er wird nicht in der Kirche, sondern im Versammlungsraum gefeiert. Denn, sagt der Priester, auch Jesus wurde nicht im Palast, sondern ganz bescheiden in einem Stall geboren. Bescheidenheit - das ist das Motto seines Priesterlebens.

Reformbewegung in der katholischen Kirche in Deutschland

Die katholische Kirche in Deutschland hat es nicht leicht. Die Gemeinden werden immer kleiner, die Kritik immer stärker. Eine Umfrage hat ergeben, dass zwei Millionen deutsche Katholiken eine Reform ihrer Kirche fordern: diese Bewegung wurde von Gläubigen ins Leben gerufen, die die Dogmen der katholischen Kirche für archaisch halten und deshalb ablehnen. Ihr SloganWir sind die Kirche“ lehnt sich an den Spruch „Wir sind das Volk“ der Bürgerbewegung an, die 1989 dann zur Wiedervereinigung Deutschlands geführt hat.

Bettina ist eine Anhängerin dieser Reformbewegung. Sie studiert Kunst und Religion an der Universität in Paderborn, das lange Zeit Hochburg des deutschen Katholizismus war und seit kurzem Symbol der Kritik. Wenn sich Bettina für den Lehrberuf entscheidet, wird sie auch Religionsunterricht geben, der in Deutschland an den staatlichen Schulen Pflicht ist. Religion kann sogar als Leistungskurs gewählt werden. Bettina findet Antworten auf viele Fragen in den Psychologie-Vorlesungen von Eugen Drewermann.

Bettina: „Ich denke, die Art und Weise, wie Drewermann die biblischen Inhalte durcharbeitet, ist tatsächlich eine Alternativform. Er schreibt sehr lesbar, ganz normal in der Sprache, in der wir sprechen, über biblische Texte, und verbindet das mit seiner Psychologie, mit der Existenzphilosophie, er benutzt die Literatur, die Kunst, um diese Inhalte zu erschließen. Und er bezieht sich auf das Leben von Menschen und welcher Schlüssel zum Leben liegt in diesen Texten. Und das sind ja Fragen, die auch für mich noch wichtig und aktuell sind.“

Eugen Drewermann ist eine umstrittene Persönlichkeit. Weil er sich nicht in die Disziplin der katholischen Kirche fügen wollte, wurde ihm 1991 sein Lehrauftrag für Theologie entzogen. Seitdem wirkt er noch als Professor der Psychologie.

Eugen Drewermann: „Mit einem Wort, es wachsen aus der Jugend heute nicht mehr Gläubige heran, die die Kirche tragen könnten. Dieses Problem ist so groß, dass wir sehen, wie über 500 Religionsstunden, die - staatlich organisiert - über deutsche Kinderköpfe heruntergeschüttet werden, nicht die geringste Wirkung am Ende hinterlassen. Das zeigt mir, dass die gesamte Sprache falsch ist, dass die Lehrinhalte falsch sind. Konkret gesprochen: wir können nicht einem Kind im Geschichtsunterricht beibringen, dass seit den Tagen der französischen Revolution Könige unerwünscht sind in Europa, dass es Teil der politischen Kultur geworden ist, die Monarchie auszuschließen, und die Stunde darauf in Religion sagen, das wir in der Gestalt des Papstes aber jemanden haben, der wie Louis XIV immer noch regiert, als absoluter Monarch, als Gottes Stellvertreter auf Erden. Das alles kann nicht in ein und denselben Kopf gepackt werden.“

In Deutschland werden die sowohl katholische als auch die evangelische Kirche in Frage gestellt. Dies ist nicht nur eine religiöse Krise, sondern hat auch wirtschaftliche Konsequenzen.

Eugen Drewermann: „Die Leute sind nicht mehr einzuschüchtern durch den Kirchenzwang. Sie sagen sich ganz einfach, entweder hat die Kirche etwas mitzuteilen, das mich tröstet, das mir hilft oder sie hat es nicht. Und im letzteren Fall fragen sich immer mehr Menschen, warum muss ich dann noch den Betrieb finanzieren? Warum muss ich in Deutschland Kirchensteuer bezahlen? Auch darin liegt ein sehr schweres Problem: dass in Deutschland Kirchenmitgliedschaft, im Grunde die Frage nach Gott, geregelt wird über das staatliche Einzugsverfahren, einen Prozentualanteil des Einkommens. Das ist eine Schwierigkeit, weil sich zeigt, dass die deutsche Kirche an Geld viel mehr interessiert ist als an existenziellen Entscheidungen, als an den Fragen wirklich personal gelebten Lebens.“

Die Kritik an der katholischen Kirche ist ein Zeichen dafür, dass die religiöse Diskussion in Deutschland lebendig ist.

Laizismus in Frankreich

In den staatlichen französischen Schulen hat die Kirche überhaupt keinen Einfluss. Hier gibt es keinen Religionsunterricht. Dies verbietet die laizistische Verfassung, die ja Kirche und Staat trennt, Religion zur reinen Privatsache erklärt. Das findet sogar ein Priester selbstverständlich.

Christian Delorme: „Die Schule hat in der Tat die Aufgabe, ein neutraler Ort zu sein, an dem die verschiedenen Glaubensrichtungen nicht in Konflikt miteinander geraten können. Deshalb dürfen innerhalb der Schule keinerlei Bekehrungsaktionen stattfinden.“

Es gibt private, katholische Schulen in Frankreich mit Religionsunterricht. Doch die große Mehrheit, 75% der Schüler, geht in staatliche Schulen. Vermissen sie den Religionsunterricht?

Schülerinnen:

„Nein, er fehlt mir wirklich nicht. Fehlt er dir?“

„Nein.“

„Die Religion, sie sagt dir gar nichts?“

„Nein, ich bin nicht besonders gläubig, also ich interessiere mich nicht dafür.“

Frankreichs Vorstädte sind seelenlos, heißt es. In einem dieser Wohntürme ist eine Einrichtung untergebracht, auf die die Kirche ebenfalls keinen Einfluss hat. Es ist die Frauenberatungsstelle, die hier französische Bewegung für Familienplanung heißt. Vor allem Frauen bekommen hier eine Antwort auf ihre Fragen zu Sex, Verhütung, Abtreibung.

Christian Delorme: „Die Morallehre der Kirche ist völlig wirkungslos, weil die Menschen heute eine große Gewissensfreiheit fordern. Es ist typisch für die westliche Gesellschaft, dass jeder seine eigene Moral zusammenbastelt. Vielleicht profitiert sie ja manchmal von dem, was die Kirche sagt. Aber ein von der Kirche auferlegter Verhaltenskodex wird abgelehnt.“

Seit 1980 gibt es in Frankreich die sogenannte Abtreibungspille RU 486. In Deutschland wurde noch nicht einmal der Antrag auf ihre Zulassung gestellt - auch um kirchliche Abtreibungsgegner nicht zu provozieren.

Najia Dridi: „Für uns ist der Laizismus ganz entscheidend, wenn es darum geht, die Rechte der Frauen oder die persönlichen Rechte im Allgemeinen zu respektieren. Der Laizismus ermöglicht es, dass jeder seine Entscheidungen nach dem eigenen Gewissen trifft.“

Im Frauenzentrum ist der Kampf um das Recht auf Abtreibung nachzulesen. Schon 1975 gab es in Frankreich die Fristenlösung, gut 20 Jahre früher als in Deutschland, wo die Christdemokraten eine Lösung à la française verhindert hatten. In Frankreich will die rechte Partei Front National die Abtreibung wieder verbieten.

Die jüdische Gemeinde in Berlin

Heute leuchtet die Synagoge in der Oranienburgerstraße in Berlin in ihrer ganzen Pracht. In der sogenannten Reichskristallnacht 1938 von den Nazis in Brand gesteckt, wurde sie nach dem Fall der Mauer 1989 wieder aufgebaut. So soll auch die jüdische Gemeinde wieder aufgebaut werden. Familie Marcus ist eine typische jüdische Berliner Familie. Auf väterlicher Seite sind es alteingesessene Berliner, auf der Seite der Mutter, Miriam, kommt die Familie aus Polen.

Miriam Marcus: „Ungefähr 160.000 Juden, wenn ich das richtig erinnere, lebten vor der Shoah in Berlin. Und ich weiß nicht, welchen Zeitpunkt nach der Shoah wir ansetzen sollen, aber so in den 60er Jahren waren es so 5000 bis 6000 Juden, sehr überalterte Gemeinde. Also ich bin '53 hier geboren und natürlich könnte ich sagen, ich bin hier geboren, aber irgendwann ist man erwachsen genug, um seine Entscheidungen zu treffen. Es hat mich gezwungen, wenn ich als Jüdin hier lebe, mich stärker auseinanderzusetzen mit der Shoah und das von innen heraus. Es waren die Nachkommen der Täter, mit denen ich durchaus aufgewachsen bin, und die sich auch diese Fragen gestellt haben. Ich habe eine glückliche Jugend hier gehabt.“

Die Berliner Gemeinde ist klein und hat noch immer keinen Rabbiner. Was bedeutet das für das religiöse Leben?

Jerzy Kanal: „Es gibt es. Aber in welchem Ausmaße? Es ist ja nur ganz gering und ganz bescheiden. Aber es gibt ein großes Bemühen darum, und es gibt eine starke Affinität zu einem solchen Leben.“

Die jüdische Gemeinde wächst, denn seit den 80er Jahren kommen immer mehr jüdische Russen nach Deutschland. Um ihnen die Integration zu erleichtern, bietet das Zentrum Judaica Deutschkurse an. Eine Chance für die jüdische Gemeinde?

Jerzy Kanal: „Das bedeutet für uns beides: einmal eine ganz große Herausforderung, und dann ist es ja auch eine ganz starke Belastung. Die meiste Zeit meiner Arbeit ist für die Menschen, die aus der Sowjetunion gekommen sind; es ist verständlich, sie kommen hierher aus der Fremde, ein anderer Sprachraum, ein anderer Kulturraum, sie müssen sich gewöhnen, und das ist einfach nicht so leicht. Für jüngere Menschen geht's noch, aber ältere Menschen, die bleiben so, weil man kann ja nicht so einfach sagen, jetzt bin ich ein anderer Mensch.“

Die Integration der kleinen Russen geschieht über den Tanz. Hier, im Zentrum Judaica, werden Volkstänze gelehrt. Ein erster Schritt auf dem Weg zur jüdischen Kultur:

Miriam Marcus: „Sie sind in einer atheistischen, in einer verordneten atheistischen Welt groß geworden, so dass hier jüdische Werte und Inhalte, gelebtes Judentum sie nicht kennen, und es ist eine enorme Herausforderung für die Juden in Deutschland, ihnen das nahezubringen, und ich würde realistisch sagen, es wird sicher nur zu einem kleinen Teil gelingen, aber auch dieser kleine Teil ist eine Bereicherung.“

Muslime in Frankreich

In Frankreich leben etwa 4 Millionen Muslime. Ganz genau weiß man das nicht, weil die Frage nach Religionszugehörigkeit nicht erlaubt ist und es deshalb keine exakten Zahlen gibt. Der Islam ist die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Frankreich. Es gibt hier rund tausend Moscheen.

Christian Delorme, Prêtre: „Seit etwa 40 Jahren wandern Muslime nach Frankreich ein, sie lassen sich jetzt auf Dauer hier nieder. Heute sind viele Muslime Franzosen. Und sie beginnen, sich zu organisieren. Seit 40 Jahren sind die Beziehungen zwischen ihnen und der katholischen und auch den reformierten Kirchen sehr gut, weil die Kirchen die ersten waren, die die Menschenrechte der Fremden, der Einwanderer, verteidigten.“

Ein kleines Couscous-Restaurant in Lyon. Ezzdine, der hier bedient, ist vor 4 Jahren aus Tunesien gekommen. Eigentlich will er Elektrotechnik studieren, arbeitet aber im Moment mittags und abends hier, um ein bisschen Geld zu verdienen. Wie die meisten seiner Landsleute bekennt sich auch Ezzdine zum Islam, wobei er ganz genau zwischen gläubigen und praktizierenden Moslems unterscheidet. Alkohol zum Beispiel sei für einen Praktizierenden tabu, für einen Gläubigen wie ihn nicht. Trotzdem achte er den Koran, eben mit Einschränkungen.

Ezzdine Abid: „Ich respektiere den Koran, wenn auch nicht 100-prozentig. Zum Beispiel ist es sogar verboten, eine Kollegin mit einem Kuss zu begrüßen. Aber das kommt bei mir schon mal vor, dass ich eine Kollegin oder meine Kusinen so begrüße.“

Die große Moschee von Lyon, 1994 eingeweiht. Längst nicht alle praktizierenden Muslime kommen zum Freitagsgebet hierher, jedes Stadtviertel hat ja eine eigene kleine Moschee. Die große Moschee ist ein Symbol. Die französischen Muslime fordern, als zweitgrößte Religionsgemeinschaft mit den Christen gleichgestellt zu werden. Dazu gehört das Recht, eigene Gebetsstätten zu bauen. Die Muslime mussten 15 Jahre lang für die Baugenehmigung ihrer großen Moschee in Lyon kämpfen. Vor dem höchsten Gericht, dem Cour Conseil d' Etat, hatten sie schließlich Erfolg.

Seit 1959 dürfen Katholiken gemeinsam mit Muslimen beten. Doch man bleibt unter sich. Der Islam macht Angst. Zu oft wird er mit Terror und Gewalt in Verbindung gebracht.

Christian Delorme: „Der Islam der meisten Gläubigen ist der Islam der Demut, der Unterwerfung unter Gott, der Brüderlichkeit. Von diesem Islam spricht man kaum, weil er sich nicht öffentlich organisiert. Aber wir sollten niemals vergessen, dass der Islam schon in der Geschichte, abgesehen von einigen Zeitabschnitten, immer eine Friedenskraft war.“

Zum Freitagsgebet kommen vor allem ältere Gläubige, Jüngere sieht man so selten wie in den christlichen Gemeinden. Seit Generationen sind die Einwanderer hier zu Hause. Die jungen Muslime sind per Gesetz Franzosen und möchten sich integrieren. Dafür kämpfen sie. Ihre Religion kümmert sie wenig.