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Vom Umgang mit der Natur

L'homme et la nature


Hintergrund

Die Natur, im strengen Wortsinn also das, was von menschlicher Tätigkeit unberührt da ist, wird in Mitteleuropa eine immer knappere Ressource, die - während sie nach Kräften verarbeitet, verwandelt, verwertet und verunstaltet wird, längst schutzbedürftig geworden ist. So selbstverständlich die Menschen in der von der Technik und Industrie veränderten Welt leben, so verbreitet ist doch der Wunsch nach Bewahrung einer intakten Natur. Aber so 'natürlich' die Natur an sich auch sein mag, unser Verhältnis zu ihr ist immer schon das Ergebnis von Kultur und Tradition. Und auch wenn die Industrienationen Frankreich und Deutschland etwa beim Umweltschutz vor gleichen Herausforderungen stehen, weil die Gefahren moderner Großtechnologie bekanntlich nicht an Staatsgrenzen halt machen, so gibt es in den beiden Nachbarländern doch auch Unterschiede beim Umgang mit der Natur.

Für Passe-partout hat ein deutscher Journalist in Frankreich recherchiert, während seine französische Kollegin sich in Deutschland umgesehen hat.

Eingangsschild eines Kleingartenvereins

Ihre erste Begegnung führt sie zu einem Phänomen, das in Deutschland weit verbreitet ist: dem Schrebergarten. Benannt nach ihrem Erfinder aus dem 19. Jahrhundert findet man diese - von Vereinen verwalteten - Kleingarten-Kolonien überall am Rande der Städte. Die oft auf Lebenszeit gepachteten Parzellen werden von ihren Besitzern liebevoll gehegt und gepflegt und bieten auch weniger betuchten Zeitgenossen die Möglichkeit, der Liebe zur Natur in überschaubarem Rahmen und in geselliger Runde nachzugehen. Dabei muss auf die Einhaltung bestimmter Normen z.B. beim Bau der einfachen Häuser und bei der Bepflanzung geachtet werden.

Den diametralen Gegensatz zum Patchwork der Schrebergärten stellt der streng gegliederte Park des Schlosses von Villandry an der Loire dar, wo selbst der Gemüsegarten aus dem 17. Jahrhundert in einem geometrischen Muster angelegt ist. Mehr Architektur als Natur, ist er nicht nur ein exemplarisches Monument der Gartenbaukunst - und damit ein Vorläufer des Naturschutzes -, sondern auch ein gutes Beispiel für den französischen Naturbegriff vergangener Jahrhunderte, dessen Einfluss auch heute noch im Verhältnis der Franzosen zur Natur auszumachen ist. Ihm galt der Mensch als höchstes Wesen, dessen berechtigter Wunsch, alles der Macht der Vernunft zu unterwerfen, sich auch und gerade in der Kontrolle der Natur dokumentiert. Wenn der Franzose 'nature' sagt, denkt er 'campagne', also die vom Menschen gestaltete Natur (1). Die Vorstellung von der Natur als einem Wert an sich, ist den Franzosen dagegen eher fremd, während man den Deutschen seit der - in dieser Beziehung prägenden - Zeit der Romantik nachsagt, dass sie sich gerne als Teil der Natur empfinden, in die sie sich einzuordnen wünschen.

Die geometrischen Gärten in Deutschland - wie etwa Ludwigsburg oder Nymphenburg - sind Kopien der französischen, die dann im 18. Jahrhundert Konkurrenz von den malerischen, die Natur idealisierenden 'Englischen Gärten' erhielten, etwa in München oder Sanssouci bei Potsdam.

Wasserprobe des Rheins in einem Labor

Solche Traditionen spielen auf den ersten Blick keine Rolle mehr, wenn es um aktuelle gemeinsame Anliegen geht, wie bei der erfolgreichen Verbesserung der Wasserqualität des Rheins, des deutsch-französischen Grenzflusses. Die von schweizerischen, französischen, deutschen und holländischen Fabriken in den Rhein zwischen Basel und Rotterdam geleiteten jährlich mehr als 20 Mio. Tonnen Abwasser, hatten den Fluss zu einer bedrohlich verschmutzten Kloake werden lassen. Aber seit am 1.11.1986 nach einem Großbrand im Basler Chemie-Unternehmen Sandoz Katastrophenalarm ausgelöst wurde und hochgiftige Chemikalien das Leben im Fluss auf vielen Kilometern zerstört hatten, wurden Konsequenzen gezogen. Heute steht der Rhein unter Aufsicht, seine Wasserqualität wird regelmäßig von Messschiffen und von Testanlagen aus kontrolliert, Entölungsschiffe verhindern das Ablassen von Altöl aus Rheinschiffen und auch die Industrie hat ihren Beitrag in Form von Filter- und Kläranlagen geleistet. Das Ergebnis ist ein ökologischer Erfolg: Der Rhein ist wieder zum Lebensraum für Lachse geworden! Dennoch bleibt viel zu tun. So sollen mit der Einführung des Verursacher-Prinzips die Urheber der Belastungen in Zukunft noch stärker für die Folgen ihres Tuns zur Verantwortung gezogen werden.

Der Umstand, dass Deutschland mit seinen 81 Millionen Einwohnern auf 357 000 Quadratkilometern eine deutlich höhere Bevölkerungsdichte aufweist als das mit 57 Millionen Menschen bei 544 000 Quadratkilometern dünner besiedelte Frankreich (228 Menschen pro Quadratkilometer gegenüber 106), dürfte bei der Entwicklung des Umweltbewusstseins auch eine Rolle gespielt haben. Im Verhältnis zu den Deutschen sind die Franzosen beim Umweltschutz Spätzünder. Als 'Le waldsterben' - ein Wort, das die Deutschen, denen man seit jeher ein besonderes Verhältnis zu ihren Wäldern nachsagt, der Welt geschenkt haben - in den 70er Jahren die Deutschen bereits traumatisierte, galt es in Frankreich noch als fixe Idee von hysterischen Öko-Freaks.

Stillgelegte Ockersteinbrüche

Laut einer im Auftrag der UNO durchgeführten und 1997 veröffentlichten Umfrage stand die gefährdete Umwelt für die Deutschen bei den generellen Bedrohungen ganz vorne, während sie für die Franzosen erst an zehnter Stelle rangierte (2). Aber die Franzosen holen auf: Gerade unter jungen Leuten wächst das Interesse an der Natur und das Bewusstsein für Umweltschutz wie ein Besuch bei den Teilnehmern eines Kunstkurses in den weltberühmten und seit vielen Jahren stillgelegten Ockersteinbrüchen von Roussillon im Naturpark von Lubéron zeigt. In Harmonie mit der Natur leben zu wollen, ist allen, die sich hier in der Gewinnung und Handhabung natürlicher Farbpigmente unterrichten lassen, ein selbstverständliches Bedürfnis und erstrebenswertes Ziel.

Tatsache ist aber auch, dass in Frankreich noch immer 49% der neuzugelassenen PKW einen Dieselmotor haben, dessen erhebliche Ruß-Emissionen nicht nur die Umwelt belasten, sondern auch als potentiell krebserregend gelten. Grund dieser Beliebtheit ist der Preis für Dieseltreibstoff, der der heimischen LKW-Industrie zuliebe, künstlich niedrig gehalten wird. In Deutschland, dem Land mit der höchsten Autodichte in Europa, sind dagegen nur 15% der 50 Millionen Autos Diesel-Fahrzeuge, denn die Kfz-Steuern sind aus Gründen des Umweltschutzes sehr hoch. (Tankten zu Beginn der neunziger Jahre in Frankreich erst fünf Prozent der Autofahrer bleifrei, so waren es Ende der neunziger Jahre immerhin bereits 50 Prozent (3).) Nachdem die Luftverschmutzung in den weniger dicht besiedelten Regionen abseits der Großstädte lange als nicht gar so drängendes Problem gesehen wurde, wird sie inzwischen zunehmend ernst genommen. So prüft in Paris, wo täglich 3,5 Millionen Autos die Luft verpesten, die Organisation Air-Parif die Qualität der Luft und veröffentlicht ständig aktuelle Messwerte, die von auffallend vielen Einwohnern nachgefragt werden. Beim Überschreiten bestimmter Grenzwerte kann vom Präfekten ein Fahrverbot verhängt werden.

Ein weiterer Grund für die Vorreiterrolle Deutschlands beim Umweltschutz ist gesellschaftlich-historischer Natur: Die Generation der 68er wandte nach dem Scheitern ihrer Impulse ihre brachliegende Protestbereitschaft Ökologie- und Umweltschutzthemen zu (Anti-AKW-Bewegung!), die so in einer Weise und mit einer Schnelligkeit Zugang zur gesellschaftlichen Kommunikation, Einfluss auf die öffentliche Meinung und mit der Partei der „Grünen“ auch eine politisch institutionalisierte Heimat gefunden haben, wie das in Frankreich in vergleichbarem Ausmaß nicht geschehen ist.

Eine massenhafte Mobilisierung wie sie in Deutschland gegen die Castor-Transporte mit radioaktivem Müll stattgefunden hat, ist in Frankreich, das fast ausschließlich auf Atomstrom setzt, in dieser Form im Augenblick nicht vorstellbar. Die gesellschaftliche Akzeptanz für die Atomenergie ist in Frankreich - bei den Entscheidungsträgern, aber auch bei der Bevölkerung - ungleich höher als in Deutschland, wo man die Kernkraft nur als Ergänzung der Wärmekraft betrachtet.

Lastwagen lädt Schutt ab

Seit der Wiedervereinigung muss sich das größere Deutschland mit den Altlasten der ehemaligen DDR herumschlagen, die als Atom-Müllkippe Europas gedient und dem Umweltschutz in der offiziellen Politik keine prominente Rolle eingeräumt hatte. Ein Besuch des stillgelegten, radioaktiv verseuchten Industriegebiets von Wismut - 60 km von Jena entfernt - zeigt die wüste Hinterlassenschaft. Hier wurde in einer geheimen Anlage Uranerz gefördert, das in Form sog. 'yellow cakes' für die Atombomben-Produktion in die Sowjetunion exportiert wurde. In der Umgebung ist die Krebsrate erschreckend hoch. Die örtliche Greenpeace-Gruppe versucht die Bevölkerung für die Gefahren zu sensibilisieren und beobachtet kritisch die staatlichen Maßnahmen zur Dekontaminierung, die noch mindestens 20 Jahre dauern wird. Die übriggebliebenen 'yellow cakes' werden an die COGEMA, die französische Betreiberfirma des atomaren Zwischenlagers und der Wiederaufbereitungsanlage von La Hague in der Normandie, verkauft, wo auch anderer deutscher Atommüll landet. Im Unterschied zu seinem deutschen Pendant Gorleben ist La Hague voll im Betrieb und das in einer wirtschaftlich ansonsten wenig erschlossenen Gegend, die vollkommen von der Nuklearindustrie abhängig ist.

Die Gegner unter den lokalen Bauern haben es schwer bei ihrem Kampf gegen die übermächtige Industrie, die von staatlicher Seite vorbehaltlos unterstützt wird. Sie sind in der Minderheit und haben bisher alle juristischen Auseinandersetzungen verloren. Aber ob der gesellschaftliche Konsens angesichts der Gefahren, die diese Technologie birgt, auch in Zukunft halten wird, ist keineswegs gewiss. Denn der Wert der Natur wird immer mehr Menschen bewusst.

  1. Ebner, Josef: Frankreich mon amour - ein Liebhaberlexikon, Berlin 1999, S.186
  2. s. Ebner: S.229
  3. s. Ebner: S.232