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Vom Umgang mit der Natur

L'homme et la nature


Filmskript

Naturbegriffe: Unbändige und gezähmte Natur

Welches Verhältnis haben die Franzosen zur Natur? Sind die Deutschen alle Umweltschützer? Eine französische Journalistin hat in Deutschland recherchiert und ein deutscher Journalist in Frankreich.

Diese Gärten findet man überall in Deutschland am Rande der Städte. Sie wurden im letzten Jahrhundert für Familien angelegt, die keinen Garten hatten. Der Erfinder, ein gewisser Herr Schreber, hat ihnen ihren Namen gegeben: Schrebergärten. Während in Frankreich die Arbeitergärten immer mehr verschwinden, blüht die Tradition in Deutschland weiter. Oftmals werden die Gärten von Vereinen verwaltet. Meist pachten die Familien die Parzellen auf Lebenszeit für einen bescheidenen Jahresbeitrag. Doch an ein paar Richtlinien muss sich jeder Kleingärtner halten.

Michael: „Es gibt kleine Regeln, die man einhalten muss, wie zum Beispiel der Hüttenbau. Die darf nur eine gewisse Größe haben, oder was man anpflanzen tut. Dass es nicht eine gewisse Größe darüber hinaus wachsen tut. Sonst kann ich an und für sich machen, einpflanzen, ich kann machen, was ich will.“

Frage: „Und hast du keine Lust, ein Haus mit Garten zu kaufen, anstatt einen kleinen Garten mit einem kleinen Haus?“

Michael: „So viel Geld verdiene ich nicht, dass ich mir das leisten kann!“

Doris: „Wir leben in gesicherter Armut“

Die Stimmung ist gesellig, das Züchten von Blumen und Gemüse verwischt die sozialen Unterschiede.

Frankreich. Das genaue Gegenteil eines Schrebergartens: zurechtgestutzt, in geometrische Formen gepresst, so präsentiert sich die Natur im Park von Villandry, an der Loire. Selbst der Gemüsegarten ein geometrisches Muster, mehr Architektur als Natur. Christophe Père, 25 Jahre, Student der Landschaftsarchitektur, hat hier im Sommer ein Praktikum gemacht. Ihn fasziniert die Philosophie, die dazu geführt hat, dass solche Gärten geschaffen wurden. Eine Philosophie, die im 17. Jahrhundert entstanden ist, als das französische Königshaus in Fragen der Kunst und des Geschmacks tonangebend war.

Christophe Père: „Da steckt sicherlich die Idee dahinter, die Natur zu beherrschen. Ein Renaissancegarten, das war der Wunsch, alles Natürliche zu kontrollieren. In jeder Hinsicht. Hier im Garten von Villandry hat man das geschafft.“

Diese alte französische Vorstellung geht davon aus, dass der Mensch als höchstes aller Wesen immer alles beherrschen kann. Im Gegensatz dazu entwickelte sich in Deutschland die Idee der Romantiker, sich der Natur unterzuordnen. Es gab dort auch kein zentralistisches Königshaus, das alle Ideen vorgab. Unterschiedliche Philosophien, unterschiedliche Parks. Die geometrischen Gärten, die es in Deutschland gibt, sind allesamt Kopien von französischen Gärten.

Ein weiterer Grund, warum Franzosen eine andere Einstellung zur Natur haben als Deutsche, ist schlicht: Platz. In Deutschland leben durchschnittlich 228 Menschen pro Quadratkilometer. In Frankreich sind es nur 106. Frankreich ist 544.000 Quadratkilometer groß, und hat 57 Millionen Einwohner. Deutschland hat nur 357.000 Quadratkilometer Fläche, aber 81 Millionen Einwohner.

Frankreich ist also viel weniger dicht besiedelt. Dennoch merkt man auch hier auf Schritt und Tritt den Einfluss des Menschen auf die Natur. So wie hier in trockengelegten Sümpfen bei Béziers, im Südwesten Frankreichs. Der Mensch bearbeitet die Natur, überall.

Der Rhein: Wasserschutz bei fließenden Grenzen

Der Rhein. Strom der Mythen und mythischer Strom. 1.300 km lang, die Hälfte fließt durch Deutschland. Ein Fluss, der vom Menschen genutzt wird, und der im Lauf der Zeit zu einer schlimmen Kloake geworden war. Jedes Jahr ließen schweizerische, französische, deutsche und niederländische Fabriken zwischen Basel und Rotterdam 20 Millionen Tonnen Abwasser in den Rhein. Der Chemie-Unfall vom 1. November 1986 machte alles noch schlimmer. Großbrand bei der Firma Sandoz in Basel. Die Feuerwehr ertränkte die Flammen mit Wasser. Das Feuer wurde in einer Nacht eingedämmt. Doch bei Sonnenaufgang entdeckte man die schrecklichen Folgen für die Umwelt. Die hochgiftigen chemischen Stoffe waren direkt in den Rhein geflossen. Katastrophenalarm. Über viele Kilometer war das Leben im Fluss zerstört. Viele Tonnen Fische starben.

Heute hätte ein solcher Unfall nicht mehr die gleichen Folgen, und das ist ihnen zu verdanken: den Wächtern des Rheins. Sie kontrollieren die Wasserqualität. Seit der Katastrophe 1986 steht der Rhein unter Aufsicht. Das Wasser ist inzwischen sauber und wird ständig analysiert. Vier dieser Mess-Schiffe fahren täglich kreuz und quer über den Rhein. Außerdem wird das Wasser durch Tester kontrolliert, die hier am Fuß von vier Brückenpfeilern installiert sind. Das Wasser wird direkt durch diese Rohre in eine Kontrollzentrale geschickt. Solche Testanlagen sind über den ganzen Rhein verteilt.

Das entnommene Wasser landet hier zur Analyse. Jeder Spaziergänger, der sich für die Qualität des Rheinwassers interessiert, kann die aktuellen Werte ablesen. Das Wasser kommt später, nochmals gereinigt, aus dem Wasserhahn. Die erste Untersuchung ist chemisch. Die zweite ist biologisch. Als Indikatoren dienen Wasserflöhe. Sie sind hochsensibel und zeigen durch ihr Bewegungstempo an, ob das Wasser verschmutzt ist.

Karl-Hans Heil: „Wir sind bei der Güteklasse 2 auf dem ganzen Strom angekommen. Das hängt daran, dass alle Städte, Dörfer und Gemeinden ausreichende Kläranlagen haben. Die Industrie hat sehr viel getan. Der Umgang mit wassergefährdenden Stoffen ist in Ordnung. Wir haben für die Störfälle Vorsorge getroffen. Es gibt nur noch wenige Unfälle, so dass wir sagen können, von der Seite her ist der Rhein in Ordnung und wir sind zufrieden.“

Der Rhein hat Glück gehabt. Ein Beweis, dass Wasser wieder sauber werden kann, wenn man die nötigen Mittel einsetzt. Kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Guido Haas ist Gewässerkundler. Mehrmals im Jahr überprüft er die Entwicklung der Fauna und der Flora.

Guido Haas: „Wir haben hier die Karte, die zeigt, dass wir, wie Herr Heil sagte bereits, in der Gewässergüteklasse 2 uns befinden, d.h. wir sind im sozusagen grünen Bereich hier. Wenn wir sehen, dass diese Tiergruppe hier, die wir sehen, also verschiedene Arten aus der Tiergruppe der Eintagsfliegen, der Muscheln, der Schnecken, für diese Gewässergüteklasse 2 stimmen, sozusagen als Beweis dafür herangezogen werden können.“

Ein ökologischer Erfolg. Die ersten Lachse schwimmen bereits wieder den Rhein hinauf. Doch Nachsorge genügt nicht, man muss auch Vorsorge treffen. Seit 30 Jahren stellen die deutschen Länder entlang des Rheins sieben Entölungs-Schiffe zur Verfügung. Ihre Aufgabe: zu verhindern, dass andere Schiffe altes Öl in den Rhein ablassen.

Wilfried Schmidt: „Ja, wir lenzen jetzt hier das Motorschiff „Joachim Minde“. Das hat also unseren Saugschlauch in seinem Maschinenraum in der Bilge, d. h. wo das Wasser und Ölgemisch, was von diesen Maschinen runterläuft, und das pumpen wir jetzt mit unserem Saugschlauch 'raus in unseren Arbeitstank rein und von da aus wird es absepariert über den Separator, d. h. mit Schwerkraft wird das Wasser vom Öl getrennt und das schmutzige Wasser wird durch eine Anlage, die sitzt da vorne drinnen, und das saubere Wasser wird ausgeschieden und geht über Bord als gereinigtes Wasser.“

Diese kostenlose Säuberung ist Pflicht. Die Schiffe bekommen eine Bescheinigung. Wer sie nicht hat, muss Strafe zahlen. Die Wasserpolizei passt auf. Eine solche Dienstleistung ist teuer, mehr als 5 Millionen Mark im Jahr, und die Deutschen wollen nicht länger allein die Rechnung bezahlen.

Karl-Hans Heil: „Wir hoffen nur, dass es in Zukunft hier eine verursachergerechte Finanzierung geben wird und die internationale Schifffahrt auch diese Kostenselbst trägt.“

Den Rhein gesund zu halten ist dringend nötig. Doch Solidarität ist eine Sache, Geld eine andere.

Natürliche Farben, ein Schatz der Natur

Seit den 60er Jahren nicht mehr in Betrieb, eine ehemalige Ockerfabrik in Roussillon, nördlich von Marseille. Eine alte Industrieanlage, die verrottet. Von Menschen Geschaffenes wird wieder zu Natur. Eine einzigartige Landschaft, weltberühmte Erde. Die Römer hatten vor 2000 Jahren damit begonnen, den Ockersand abzubauen. Damals schon und bis vor 40 Jahren noch lebte die Region davon, aus den Pigmenten dieser Erde Farbe herzustellen. Heute stehen die Felsen unter Naturschutz. Dennoch: der Mensch hinterlässt auch hier seine Spuren.

Der Farbenreichtum der Natur ist weitaus größer als das, was die Menschen künstlich herstellen können. Ein Pariser Maler, der nur mit natürlichen Pigmenten arbeitet, unterrichtet hier, wie man selbst Farben herstellen kann. Aus Ockersand, Wasser und Eigelb als Bindemittel. Die jungen Kursteilnehmer interessieren sich für die natürlichen Farben, und haben sich auch Gedanken über das Verhältnis von Mensch und Natur gemacht.

Céline Thiébaut: „Wenn man die Farbe im Laden kauft, erlebt man keine Überraschungen. Mich interessiert es zu sehen, woher die Farbe kommt. Zurück zum Ursprung, das gefällt mir.“

Gilles Daumon: „Man sagt immer, der Mensch versuche die Natur zu beherrschen. Man sollte eher sagen, dass der Mensch Teil der Natur ist, denn wir kommen alle aus der Natur. Wenn man so denkt, dann kann man in Harmonie mit der Natur leben und wird sich nicht mehr als überlegenes Wesen fühlen.“

Margo Harley: „Mir gefällt es, wie man in Afrika die Natur sieht. Der Mensch passt sich ihr an und nicht umgekehrt. So sollte es sein. Das bedeutet ja nicht, dass man rückständig sein muss. Aber, man muss die Leute von Anfang an entsprechend erziehen. Schon die Kinder sollten lernen, sich der Natur anzupassen.“

Dass viele Deutsche denken, die Franzosen würden sich einen Dreck um die Umwelt scheren, hat die jungen Leute empört. Erstens, so haben sie gesagt, würden die 81 Millionen Deutschen mehr Umweltverschmutzung verursachen, als die 57 Millionen Franzosen. Und zweitens hätten heutzutage gerade junge Franzosen das gleiche Umweltbewusstsein wie junge Deutsche. So sieht es auch ihr Kursleiter.

Jean-Pierre Brazs-Lavigné: „Ich glaube nicht, dass es tiefgreifende Unterschiede gibt. Ein französischer und ein deutscher Industrieller denkt und handelt mehr oder weniger gleich. Auf politischer Ebene gibt es vielleicht einen Unterschied. Die deutschen Umweltschützer haben eine andere Strategie als die französischen. Aber in der Bevölkerung gibt es kaum Unterschiede.“

Weder deutsche noch französische Touristen werfen ihre Abfälle in die Ockerfelsen bei Roussillon. Auch Altglas-Container gibt es hier im Naturpark Lubéron. Wie überall in Frankreich, übrigens.

Luftverschmutzung: Umweltproblem Auto

Die Luftverschmutzung durch Autos ist gefährlich für den Menschen. Diesel wird wie Benzin aus Erdöl gewonnen. Beim Verbrennen entsteht Kohlenstoffdioxid und Stickoxid. Das eine sorgt für die Erwärmung des Planeten, das andere für den Sommersmog. Für die Umwelt ist Dieselkraftstoff keinesfalls weniger schädlich als Benzin. Dieselautos stoßen Rußteilchen aus, von denen man vermutet, dass sie krebserregend sind.

In Frankreich ist jeder zweite verkaufte Wagen ein Diesel. Dieselkraftstoff ist wesentlich günstiger als Benzin, und es gibt nur eine Auflage für Dieselfahrzeuge: die regelmäßige Abgasuntersuchung. Sie soll dazu beitragen, die Luftverschmutzung einzuschränken. In Deutschland sind Dieselautos aus Umweltschutzgründen hoch besteuert. Von den 50 Millionen Fahrzeugen des größten Wagenparks Europas sind nur 15 % Diesel. Außer dem finanziellen Gesichtspunkt gibt es aber noch einen anderen Grund, warum viele Deutsche kein Dieselauto fahren.

Klaus-Dieter Franke: „Viele Fahrzeuge, die wir heute noch auf den Straßen sehen, emittieren deutlich Rußpartikel, wenn man beschleunigt oder man fährt schnell. Und das passt nicht zur Umweltsituation in unserem Land. Die Deutschen sind sehr, sehr sensibel, und deshalb wählt man besser ein Auto mit Benzinmotor und geregeltem 3-Wege-Katalysator.“

Die Deutschen sind seit den 70er Jahren vom Waldsterben traumatisiert. Alle haben Maßnahmen ergriffen: die Regierung auf der einen, die Verbraucher auf der anderen Seite. Diese Maßnahmen werden aber nur in Deutschland durchgeführt und können nur dort wirken. Doch Deutschland ist ein Durchgangsland. Und die ökologischen und wirtschaftlichen Prioritäten sind nicht in allen Ländern die gleichen.

Klaus-Dieter Franke: „Wir müssen darauf drängen, dass alle strengen Trends, die wir beim Personenwagen eingeführt haben, in ähnlicher Weise auch bei den schweren Nutzfahrzeugen eingeführt werden. Das bitte auch im Osten, auch in Polen, auch in Tschechien. Weil, es nützt nicht, wenn wir hier unsere Fahrzeuge überwachen und die Polen dann mit alten, verschlissenen Fahrzeugen, oder die Tschechen mit ungepflegten Fahrzeugen hier spazieren fahren. Das gibt Ärger. Das gibt Druck in der Bevölkerung.“

Also ist man in Deutschland bereit, scharfe Maßnahmen zu ergreifen, zum Beispiel die Städte teilweise für den Verkehr zu sperren. Das ist in Europa keine Premiere: Athen zum Beispiel hat sich bereits für diese Lösung entschieden. Die Umwelt durch Vorschriften zu schützen, ist eine Möglichkeit. Vielleicht nicht die beste, aber eine wirksame.

Auch in Frankreich greift der Gesetzgeber zugunsten der Natur ein. Frankreich hat zum Beispiel scharfe Gesetze zur Sauberhaltung der Küste. An vielen Stellen darf nicht gebaut werden. Frankreich hat zwangsläufig weniger Probleme mit der Luftverschmutzung, weil es viel weniger dicht besiedelt ist. Nur in den großen Städten ist die Luftverschmutzung katastrophal. Beispiel Paris. Dreieinhalb Millionen Autos fahren hier jeden Tag, hat die Polizei errechnet. Manche fahren nur 5 Minuten lang, andere den ganzen Tag. Je nach Wetterlage bleibt die schlechte Luft über Paris stehen oder sie zieht ab.

Auf dem Tour St. Jacques, im Zentrum von Paris. Eine Ingenieurin und ein Techniker der Organisation Airparif, die seit bald 20 Jahren rund um die Uhr die Qualität der Luft misst. Hier oben sind noch die alten Anlagen zu sehen, die früher benutzt wurden. Heute steht hier ein modernes Gerät, dessen Lichtstrahl quer durch Paris schneidet. Airparif empfängt diesen Lichtstrahl und analysiert die Verschmutzung. Paris ist eine Stadt mit wenig Grün. Dreieinhalb Millionen Autos, wenig Bäume, man könnte also meinen, in Paris gebe es immer Smog. Doch zu derart hoher Luftverschmutzung gehören zwei Dinge.

Elisabeth Gilibert: „Zum einen braucht man natürlich eine Schadstoff-Emission. In Paris, wie in allen großen Städten, gibt es die jeden Tag, mehr oder weniger die gleiche Menge. Zum Zweiten braucht man eine Wetterlage, die verhindert, dass diese Schadstoffe sich verteilen. Das ist besonders dann der Fall, wenn es wenig Wind gibt. Dann können sich die Schadstoffe nicht vom Boden wegbewegen, sie bleiben in der Stadt. Man nennt das eine Inversionswetterlage. Die Luft ist stabil und die Schadstoffe bleiben auf dem Niveau, auf dem sie ausgestoßen werden.“

Paris hat Glück. Wind aus Nordosten treibt die Schadstoffe oft aus der Stadt. Mit solchen Messstationen arbeitet Airparif. Es sind die gleichen Apparate wie in Deutschland. Die Luft wird angesaugt, dann automatisch analysiert. Der Techniker zeigt einen Filter, der den Bleigehalt in der Luft misst. Nach einem Tag ist er schwarz von Blei. So sieht ein neuer Filter aus.

Nur Paris und Straßburg haben große Messanlagen. Überall sonst in Frankreich werden die Stationen erst aufgebaut. Wie die Luftverschmutzung auf den Menschen wirkt, ist Diskussionsstoff für die Ärzte. Dass sie ungesund ist, besonders für die Kleinen, ist klar. Und Menschen, die anfällig für Atemwegserkrankungen sind, werden schneller krank. Deswegen konsultieren täglich Tausende von Parisern die Zeitungen und den französischen Bildschirmtext Minitel. Sie wollen wissen, wie hoch die Luftverschmutzung ist, und an Tagen mit hohen Werten gegebenenfalls auf das Auto verzichten. In Frankreich gelten übrigens die gleichen Grenzwerte wie überall sonst in Europa. Niveau 1, kein Problem. Niveau 2, Empfehlung, das Auto stehen zu lassen. Niveau 3, der Präfekt kann ein Fahrverbot erlassen.

Kernenergie in der Kritik

In Deutschland gibt es 21 Kernkraftwerke. Anders als die Franzosen setzten die Deutschen nicht voll auf Kernkraft, sondern auf Wärmekraft. Frankreich hat sich in Sachen Energie für Unabhängigkeit entschieden, Deutschland setzt Kernkraft zur Ergänzung der Wärmekraft ein. Der Druck der deutschen Grünen und der Atomkraftgegner ist an dieser Entscheidung nicht unschuldig. Vor einigen Monaten haben sie erneut versucht, den Rücktransport von Atommüll nach Gorleben zu verhindern. Doch mit Polizeischutz kam das radioaktive Paket trotzdem am Ort seiner Bestimmung an. Mit der Kernkraft und ihren Abfallprodukten umzugehen ist und bleibt ein großes Problem.

In Jena ist man mit dem Thema vertraut. Zu Zeiten der DDR gab es weniger als 60 Kilometer weiter eine geheime, abgeschlossene Gegend: Wismut. Hier bauten die Ostdeutschen Uranerz ab, das zu sogenannten „Yellow Cakes“ verarbeitet wurde. Diese gingen in die Sowjetunion zur Herstellung von Atombomben. Der Uran-Bergbau verseuchte große Teile Thüringens und Sachsens radioaktiv. Schon vor dem Fall der Mauer begann man, die Fabrikanlagen abzubauen. Es blieb ein großes, strahlen- und chemikalienbelastetes Loch von über 70 Quadratkilometern.

Die Erdberge sind noch heute radioaktiv. Und die übriggebliebenen „Yellow Cakes“ werden an eine französische Firma, an die COGEMA, verkauft. Die Krebsrate in der Region ist erschreckend hoch. Es wurden Studien über die Tragweite des ökologischen Schadens erstellt. Die Zeugen sind die Arbeiter, die im Uranbergbau gearbeitet haben.

Werner Runge: „Vor allen Dingen das Radon ist das, was im Staub gefährlich ist. Im Wasser ist es das Radium, also irgendwelche Zerfallsprodukte des Urans, der radioaktiven Zerfallsreihe. Und genau diese Dinge setzen sich in der Lunge fest und erzeugen verschiedene Dinge wie Leukämie - einmal im Blut, in der Lunge, irgendwelche Tumore oder Ähnliches.“

Jeden Donnerstag versammeln sich junge Leute, um Aktionen zu planen. Sie gehören einer Greenpeace -Gruppe an. Andreas ist Umwelt-Student, er hat die Gruppe 1990 gegründet. Und seit der Wiedervereinigung hat er viel zu tun. Die ehemalige DDR war die Atommüllkippe Europas, und Umweltschutz hatte keine Priorität. Jetzt gilt es zu handeln.

Andreas Fröde: „Den Politikern geht es hier auch in erster Linie darum, relativ schnell zu zeigen, dass etwas passiert. Schnelle Maßnahmen einzuleiten und auch teilweise möglichst billig die Maßnahmen durchzuführen. In diesem Loch und beim Umbau hier wäre es sehr wichtig, bevor die Umlagerung erfolgt, eine Abschottung gegenüber dem Grundwasserhorizont zu machen, z.B. mit Tonschichten. Und danach erst die Umlagerung der Halden, die nicht nur radioaktiv, sondern auch chemisch sehr stark belastet sind.“

Andreas weiß, dass es ein Kampf der Titanen ist. Das Dekontaminieren wird mindestens 20 Jahre dauern. Außerdem gilt es, die Bevölkerung der Region zu sensibilisieren, für die Umweltschutz ein neuer Gedanke ist.

Andreas Fröde: „Dieser Energieverbrauch so nebenher, nur um ein Beispiel zu nennen, allein dieser ganze Stand-by-Betrieb von Fernsehgeräten in Deutschland, wenn man das mal aufsummiert, die Leistung, wo das Gerät nur da steht und wartet, dass irgendjemand mal die Fernbedienung einschaltet. Das ist auf Deutschland aufsummiert die Leistung eines Atomkraftwerks, das dafür verbraucht wird. Für nichts. Eine Energie, die ohne jeglichen sichtbaren Effekt verschwendet wird.“

Emanuel André ist 31 Jahre alt, ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 3 und 5 Jahren. Der normannische Milchbauer will die Natur nicht mehr beherrschen, sondern im Gleichgewicht mit ihr leben. André wohnt mit seiner Familie in einer ganz besonderen Gegend Frankreichs. Zwei Kilometer Luftlinie von ihrem Haus entfernt liegt La Hague, atomares Zwischenlager und Wiederaufarbeitungsanlage für verbrauchte Brennstäbe. Hier in der Normandie werden auch deutsche Nuklearabfälle zwischengelagert. Ein französisches Gorleben, mit dem Unterschied, dass es voll in Betrieb ist.

La Hague, das mindestens 6000 Menschen beschäftigt, ist nicht der einzige atomare Betrieb in der Region. Ein paar Kilometer weiter befindet sich Flamanville, ein Atomkraftwerk. 20 Minuten Richtung Norden ist Arsénal in Cherbourg, Hersteller der französischen Atom-U-Boote. Die gesamte Gegend ist wirtschaftlich von der Nuklearindustrie abhängig. Sonst gibt es hier nichts.

Eine Versammlung von Kernkraftgegnern. Wie David gegen Goliath kämpfen sie gegen die französische Atomindustrie. Die Kernkraftgegner sehen sich in Frankreich mit einem mächtigen, zentralistischen Staat konfrontiert. Vor Gericht haben sie bis jetzt immer verloren. Emmanuel André ist mit dabei. Er hat Angst, die Kernkraft könne nicht beherrscht werden. Mehr als in Deutschland ist Atomenergie allerdings in Frankreich als Energiequelle akzeptiert. Franzosen, allen voran ihre Regierung, glauben, dass Atomkraft weniger verschmutzt als Energie auf Erdöl-Basis, und sie halten sie für relativ ungefährlich. Eine politische Entscheidung für die Atomenergie und ein Volk, das diese Entscheidung im Prinzip akzeptiert hat. Obwohl es auch in Frankreich immer mehr Atomkraftgegner gibt.

Emmanuel André: „Die Leute haben sich mit dem System abgefunden. Auch, wenn manche eigentlich dagegen sind. Aber sie finden sich damit ab, weil es ihnen den Alltag erleichtert.“

Seine Kühe grasen in Sichtweite der Wiederaufarbeitungsanlage. In regelmäßigen Abständen entnehmen die Kernkraftgegner Bodenproben, um die radioaktive Belastung zu messen. Sie kommen zwar zu den gleichen Zahlen wie die Atomenergiebehörde, sie interpretieren sie nur anders. Kein Problem, sagt die Regierung. Doch ein Problem, sagen sie. Emmanuel André und sein Verhältnis zur Natur.

Emmanuel André: „Ich frage mich immer, ob ich etwas zerstöre für zukünftige Generationen. Bis zu welchem Punkt kann ich gehen, kann ich produzieren, ohne unser gemeinsames Erbe, die Natur, die Umwelt, in Gefahr zu bringen.“

Die französischen Könige wollten die Natur beherrschen. Die Regierenden von heute denken anscheinend noch genauso. In der Bevölkerung, auch in Frankreich, sind es aber immer mehr, die daran zweifeln.