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Vom Umgang mit der Natur
L'homme et la nature
Materialien
Kernkraft - das latente Risiko
(...) Schlagartig ist auch ins Bewusstsein gerückt, wo die besonders verletzlichen Stellen liegen. Für das Szenario eines von einem Selbstmord- Attentäter gesteuerten, mit Kerosin voll getankten Düsenjets ist kein Kernkraftwerk der Erde ausgelegt. Wann immer in Deutschland über den Bau von Atomanlagen gestritten wurde, spielte höchstens die Möglichkeit von militärischen Angriffen eine Rolle. Das Umweltministerium räumte schon damals freimütig ein, dass ein technischer Schutz gegen solche Attacken nicht erreichbar sei. Der Philosoph und Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker empfahl deshalb auf dem Erörterungstermin für die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, man solle den Komplex unterirdisch anlegen. Für die maßgeblichen Kräfte im Staat war das unerheblich. Weshalb sollte ein gravierendes zusätzliches Risiko durch zivile Atomanlagen entstehen, wenn sich die Blöcke im Kalten Krieg schon mit einem Potential von Atomwaffen bedrohen (und in Schach halten), mit dem sie die Welt mehrfach in Schutt und Asche legen könnten? Auf demselben Erörterungstermin wies ein Physiker darauf hin, dass die Bedrohung von Atomanlagen durch „eine Gruppe wahnsinniger Ideologen“ wahrscheinlicher sei als ein militärischer Angriff. Aber alle amtlichen Risikostudien gingen davon aus, dass Täter in die Anlage eindringen und überleben wollen.
Man kann das heute anders sehen, weil der Terror in New York und Washington eine selbstmörderische und bis dahin unvorstellbare Zerstörungskraft erreicht hat. Risiko ist Risikowahrnehmung. Dabei kann niemand mit Sicherheit sagen, ob die Kernkraftwerke nach dem 11. September gefährdeter sind als vorher. Und es ist wahr, dass auch petrochemische Fabriken oder Staumauern ein schreckliches Risiko darstellen können. Soll man also überall Flugabwehrgeschütze und Abfangjäger installieren? Immerhin wurde die französische Armee aufgeboten, um die Wiederaufbereitungsanlage in La Hague zu schützen. Das suggeriert eine Sicherheit, die es so nicht gibt. Die Routen von Flugzeugen verlaufen auch unweit von solchen Anlagen. Sollen die Jets schon abgeschossen werden, wenn sie ein wenig abweichen? Soll man warten, bis sie nahe genug sind, um die Absicht der Attentäter zu erkennen? Dann kann es zu spät sein. Es wird nicht funktionieren und - die Hoffnung besteht - es muss vielleicht nie funktionieren.
Manche heften unter dem Stichwort „Atom“ alle Schrecken dieser Erde ab. Das ist irrational, aber es bleiben die alten Fragen, nur dass sie unter dem Eindruck des 11. September an Gewicht gewinnen. Eine dieser Fragen lautet: Was gibt den Menschen im Jahr 2001 die Sicherheit, sie könnten den radioaktiven Abfall so verwahren, dass er in hundert, tausend oder zehntausend Jahren keinen Schaden anrichten kann? Der Kern der friedlichen Nutzung der Kernkraft hat zwei Seiten: Dem Faszinosum, wie aus wenig Materie viel Energie entsteht, steht die Möglichkeit gegenüber, dass wenig Materie gigantische Zerstörungskraft hat. Es ist ein - im Westen - sehr unwahrscheinliches Risiko, aber ein sehr hohes. Oder anders ausgedrückt: Bei der Kernenergie darf nie etwas passieren.
Was einmal begonnen wurde, kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Falls das Risiko durch Atomkraftwerke nun höher ist, wird man es trotzdem noch für eine Zeit ertragen müssen. Die Forderung, nun alle Anlagen abzuschalten, dürfte kaum mehrheitsfähig sein. Am Strom hängt zu viel, man müsste jede Menge alter Kohlekraftwerke reaktivieren und mehr Strom aus dem Ausland beziehen - auch Atomstrom.
Es wäre aber kein Schaden, wenn der Atomausstieg nach den aktuellen Ereignissen an Fahrt gewinnen würde. Zu diesen Ereignissen gehört neben dem Terror von New York die niederschmetternde Tatsache, dass in dem baden-württembergischen Kernkraftwerk Philippsburg elementare Sicherheitsregeln verletzt wurden - systematisch und über lange Zeit. Der Komplexität der technischen Sicherheit in Kernkraftwerken entspricht die Komplexität der Menschen, die über diese Sicherheit wachen. Das ist - mit oder ohne terroristischer Bedrohung - eine latente Gefahr, der sich die Menschen nicht aussetzen müssen. Der Rauschgiftsüchtige tut sich schwer damit, eine Alternative zur Sucht zu finden. Es gibt aber andere Wege, Energie zu erzeugen - und einzusparen.
Wolfgang Roth
Quelle: Süddeutsche Zeitung 26.10.01
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