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So sehen sich Nachbarn
Clichés et idées reçues
Hintergrund
„Der Franzose“ - „der Deutsche“, die meisten Sätze, die so beginnen, sind zumindest mit Vorsicht zu genießen. Oft stellen sie fragwürdige Verallgemeinerungen dar, die bei genauerem Hinsehen vielleicht gar nicht haltbar sind. Klischees, so sagt es der Duden, sind „überkommene Vorstellungen“, vorgefertigte Ansichten also, deren Gültigkeit und Richtigkeit ohne weiteres Hinterfragen angenommen, gar vorausgesetzt werden. Und: Sie bestimmen häufiger unser Denken, als wir es uns selbst eingestehen mögen. Sie geben wieder, wie wir, aus der Perspektive unseres jeweiligen Kulturkreises, bestimmte Dinge wahrnehmen und deuten. Mit anderen Worten: Klischees entstehen selten völlig grundlos, sie haben - wie Legenden - meistens einen „wahren Kern“. So gibt es zwar sicherlich nicht „den Franzosen“ oder „den Deutschen“ - wohl aber einige Charakteristika der Menschen rechts und links des Rheins, die tatsächlich so etwas wie „typisch französisch“ oder „typisch deutsch“ sind.
Und es gibt Klischees, die tatsächlich weit von der Realität entfernt sind. So gelten in Frankreich beispielsweise Ordnungsliebe und Disziplin als typisch deutsche Eigenschaften. Rechts des Rheins, so will es das französische Klischee, hat alles nicht einfach irgendwie, sondern ordentlich, organisiert, diszipliniert, sozusagen im Winkel von 90° abzulaufen. Dabei erweist sich dieses Klischee in der Realität als kaum haltbar. Ein direkter Vergleich etwa der Schulsysteme zeigt: In Frankreich werden Jugendliche einer wesentlich strikteren Ordnung unterworfen als in Deutschland. Disziplin spielt in Frankreichs Schulen eine viel wichtigere Rolle als in Deutschland: Freiräume und Freizeiten französischer Schüler sind wesentlich rigider eingeschränkt, ihr Schülerdasein trägt deutlicher die Züge der sachlichen, zweckorientierten Ausübung eines Berufs als in Deutschland, wo der Schule noch eher soziale Funktionen zugeschrieben werden. Schulfreie Nachmittage sind links des Rheins praktisch unbekannt. Unfassbar scheint Franzosen beispielsweise die Vorstellung, dass eine Schülerin während des Unterrichts strickt! Andererseits: Chaos in der Hofeinfahrt, ein seit Wochen ungemähter Rasen, ein Rostfleck am Kotflügel des Autos lösen in Frankreich bei weitem nicht die hektische Betriebsamkeit aus, mit der in Deutschland üblicherweise solche „Unordentlichkeiten“ behoben werden. Deutsche Ordnungsliebe - ein halbwahres Klischee.
Franzosen sind nach deutscher Ansicht ausgesprochene Individualisten. Man möchte meinen, der preußische König Friedrich II habe seinen berühmten Satz „chacun à sa façon“ nicht umsonst auf Französisch formuliert: Nach deutscher Meinung gestaltet der Franzose sein Leben so, wie er es haben möchte, ohne sich um andere und deren Meinung zu kümmern. Scheinbar ist dieses Klischee nicht unberechtigt: So haben beispielsweise Fahrgemeinschaften in Frankreich einen gewissen Seltenheitswert: Abstimmung mit eventuellen Mitfahrern würde möglicherweise bedeuten, dass der Franzose seine individuell gewählte Route abändern müsste - ein Gedanke, mit dem sich die Mehrzahl der Franzosen offenbar nicht anfreunden kann. Also fährt praktisch jeder in seinem Auto - ungeachtet der ökonomischen und ökologischen Vorteile, die eine Fahrgemeinschaft bieten würde. In Deutschland dagegen sind Fahrgemeinschaften, Mitfahrzentralen und Ähnliches längst eine Alltäglichkeit. Aber es gibt auch Bereiche, wo das Klischee vom französischen Individualisten deutlich an der Realität vorbeizugehen scheint. Wenn etwa in Frankreich eine Berufsgruppe streikt, erfährt sie in der Regel deutlich mehr Solidarität von Seiten der Bevölkerung, als dies bei einem Arbeitskampf in Deutschland gemeinhin der Fall ist. Diese breitere Solidarität mit streikenden Landwirten oder Lastwagenfahrern spricht nicht unbedingt für den Franzosen, der sein Leben lebt und für den Rest der Welt hauptsächlich Desinteresse hegt. Auch das Klischee des französischen Individualismus ist also bestenfalls halbwahr.
Es gibt aber auch eine Reihe von Klischees, die durchaus zutreffend sind: So wirken beispielsweise in französischen Arbeitsgruppen ganz andere soziale Mechanismen als in deutschen. Tatsächlich scheint es in deutschen Teams - getreu all den Klischees über deutsche Arbeitstugenden - vor allem auf Effizienz, korrekte Planung und akkurate Ausführung von vorgegebenen Arbeitsvorgängen anzukommen, Expertenmeinungen haben eine enorme Bedeutung. Das Ergebnis der Arbeit muss im Wesentlichen dem entsprechen, was zu Beginn geplant war. Ein englischer Ausspruch aus der Zeit des Kolonialismus verdeutlicht, was gemeint ist: „Gib einem Deutschen auf der einen Seite des Urwalds eine Konservenbüchse, und er kommt auf der anderen Seite mit einer Dampflokomotive heraus.“ In Frankreich dagegen gehen Teams spontaner und weniger formell an eine Aufgabe heran. Deutsche „Kardinaltugenden“ wie Effizienz und strikte Einhaltung einer Planung gelten in Frankreich eher als Zeichen mangelnder Flexibilität; französische Teams haben bei der Arbeit eine deutlich kürzere Diskussions- und Planungsphase, beginnen viel eher damit, zu „machen“, mitunter auch schlicht zu improvisieren. Die Qualität des Endprodukts, das diesem Machen entspringt, bemisst sich nicht nur an seiner reinen Zweckmäßigkeit: Mindestens ebenso wichtig ist eine gewisse Originalität. Emotionales Engagement für die Arbeit und das Produkt sind Werte, die in französischen Teams einen wesentlich höheren Wert besitzen als in Deutschland.
Aber natürlich lassen sich auch diese Klischees problemlos widerlegen: So wird man dem französischen Schnellzug TGV eine enorme Effizienz kaum absprechen können. Andererseits sind Führungskräfte in Birkenstock-Sandalen auch kein sonderlich schlagkräftiger Beweis für die angebliche deutsche Akkuratesse. So ist das eben mit den Klischees: Sie sind nie ganz falsch - aber eben auch nie ganz richtig ...