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So sehen sich Nachbarn

Clichés et idées reçues


Materialien

Welscher Tand

Seine Visage wirkte blasiert und arrogant, der ganze Typ war manieriert und affektiert. (Er war ein Deutscher, aber wenn wir uns abfällig äußern wollen, greifen wir zu französischen Wörtern.) Banal, ordinär und borniert war dieser Ignorant, dieser mondäne, parfümierte und doch raffinierte Filou. Auf deutsch gesagt, er war ein Ekel. Aber wer sagt es denn auf deutsch? Mir tun die Franzosen leid, von denen wir vor allem die unschönen Wörter übernommen haben. Sogar aus guten Wörtern (z. B. Visage) haben wir Schimpfwörter gemacht.

Wollen wir uns über ein Unglück lustig machen, so nennen wir es ein Malheur, eine Malaise oder sprechen von Kalamitäten. Diese Wörter bezeichnen im Französischen wirkliches Unglück, bei uns aber sind sie in ironischem Gebrauch. Die Courage kann sich nicht mit dem deutschen Mut messen, die Blamage (die es auf französisch gar nicht gibt) nicht mit der Schande, die Revanche nicht mit der Rache und das Prestige nicht mit unserer Ehre. Den deutschen Wörtern ist die echte, die ernste Bedeutung vorbehalten. Wer auf seine Reputation achtet und über einen Affront indigniert ist, wird bei uns nicht ganz ernst genommen. Wegen eines (deutschen) Fehlers muß man sich schämen, bei einem (französischen) Faux-pas nur genieren. Ein deutsches Lob ist immer willkommener als alle französischen Komplimente. So ist das. Man könnte darüber ganz malade werden.

Den welschen Tand hat man uns ausgetrieben und hat dem alten Erbfeind keinen würdigen Platz gelassen. "Regime" ist ein Schimpfwort geworden wie "Bourgeois". Eine Affäre ist bei uns so häßlich wie eine Kampagne, obwohl auch diese Wörter ursprünglich einen guten Sinn haben. Cliquen schmieden Komplotts, ihre Komplicen landen einen Coup, deren Konsorten spinnen Intrigen, und ihre Agenten kennen auch nur Schikanen. Es werden Sanktionen und Repressalien verhängt, und jeder verhilft seinem Protegé mit allen Finessen zu einer Karriere. Die finsteren Mächte tun hier alles scheinbar am liebsten auf französisch: Sie agitieren und kollaborieren, sie konspirieren und kaschieren, sie düpieren und desavouieren. Und auch wenn sie nur arrangieren und reglementieren, paktieren und fraternisieren, hat das bei uns einen bösen Beigeschmack. Die Presse schimpft man eine journaille (heißt: Tagesarbeit), und die Zeitungen nennt man Gazetten, wenn man sie kränken will. Das Französische ist auch gerade gut genug, die Halbwelt (Demimonde) zu beschreiben, weil diese Wörter alle Hautgoût haben. Die Mätresse und der Bonvivant sitzen beim Rendezvous im Salon des Etablissements, die Kokotte mit dem Gourmand im Chambre séparée des Kabaretts. Er ist ein Hasardeur mit Brillantine, sie zeigt Dessous und Dekolleté. Sie animiert ihn, er macht ihr Avancen. Er liebt dies Milieu zwischen Revue und Massage, da paßt es, daß ihr Metier das Amüsement ist. Sollte das alles Inbegriff des französischen „Savoir vivre“ sein?

Als die deutschnationalen Sprachreiniger einst darangingen, uns das französische Fremdwort auszutreiben, haben sie es in ihrer Infamie dort stehenlassen, wo es dem Nachbarn jenseits des Rheins nur schaden konnte. Zwar achten und lieben wir die Franzosen seit es die Bundesrepublik gibt, aber seither ist leider kein neues Wort von ihnen bei uns heimisch geworden.

Die Engländer mochten wir schon immer. Von ihnen nahmen wir so schöne Worte wie „fair play“ und „common sense“. Vive la France!

(Eike Christian Hirsch, Mehr Deutsch für Besserwisser. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1979. Lizenzausgabe Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1988.)


Fragen / Arbeitsaufträge

  1. Erstellen Sie eine knappe Inhaltsangabe des Textes. (Für fortgeschrittene Französischklassen: Erstellen Sie ein résumé des Textes auf Französisch!)
  2. Versuchen Sie, die möglichen Ursachen des Bedeutungswandels der französischen Fremdwörter im deutschen Sprachgebrauch zu erklären.
  3. Erstellen Sie einen Katalog mit weiteren „faux-amis“. Notieren Sie jeweils die deutsche und französische Bedeutung.
  4. „Zwar achten und lieben wir die Franzosen seit es die Bundesrepublik gibt, aber seither ist leider kein neues Wort von ihnen bei uns heimisch geworden.“ - Welche aktuellen Wörter lohnte es sich Ihrer Meinung nach von den Franzosen zu übernehmen? Seien Sie kreativ und bilden sie moderne französische Fremdwörter!